Verzweifelung
Ich bin am Verzweifeln.
Die Unsicherheit in mir wird immer lauter. Ich spüre diese leichte Übelkeit in mir aufsteigen, wie immer in solchen Situationen.
Doch warum? Warum gerade jetzt? War meine Planung doch nicht so gut wie gedacht? Habe ich etwas übersehen? Schaffe ich das, was ich mir vorgenommen habe? Da sind sie. Diese Zweifel, die alles nur noch schlimmer machen.
Einige Tage zuvor liege ich noch im Veerse Meer an den kleinen Inseln vor Anker und überlege, ob und wann ich weiter Richtung Frankreich segeln soll. Wie oft ich die geplante Route von mehr als 280 Seemeilen geprüft und das Wetter gecheckt habe, weiß ich schon gar nicht mehr.
Es ist ein langer Schlag. Ein sehr langer Schlag für mich alleine, einhand. Mindestens zwei Nächte. Immer wieder schaue ich auf die Wind- und Wellenprognosen. Doch am Ende bleiben es Prognosen.
Irgendwann fasse ich den Entschluss: Ich will es wagen. Cherbourg ist mein nächstes Ziel. Als möglichen Nothafen plane ich Dieppe ein. Von meinem Ankerplatz aus muss ich zunächst etwa zehn Seemeilen durch einen Kanal, vorbei an einigen Brücken und durch Schleusen, bevor es wieder hinaus auf die Nordsee geht.
Auch die Gezeiten und Strömungen habe ich mir genau angeschaut. So gut es mein bisheriges Verständnis dafür zulässt. Ich möchte mittags los, um am Abend mit dem ablaufenden Wasser und der Strömung wieder Richtung Westen zu segeln.
Der Tag ist anstrengend. Langes Warten vor den Brücken und der schmale Kanal verlangen viel Aufmerksamkeit und Konzentration. Und dann geht plötzlich alles ganz schnell. Ich bin wieder auf dem Meer. Der Wind ist gut, doch die See ist sehr unruhig. Strom gegen Welle lässt die Abstände zwischen den Wellen kürzer und die See kabbeliger werden. Solange der Wind da ist, bleibt das Boot trotzdem relativ ruhig auf seinem Kurs.
Der Strom ist mit mir und in den ersten Stunden mache ich gut Strecke. Es geht an der belgischen Küste entlang und hinein in die erste Nacht. Doch ich komme nicht wirklich zur Ruhe. Ich stelle mir zwei Timer auf jeweils 15 Minuten und lege mich im Cockpit hin. Alle 15 Minuten schaue ich nach dem Kurs, mache einen Rundumblick und prüfe den Horizont. Mein AIS, das automatische Identifikationssystem, zeigt mir andere Schiffe auf meiner Karte, sodass ich rechtzeitig gewarnt werde.
Diese Strategie hat bisher gut funktioniert. Doch in dieser Nacht funktioniert etwas anderes nicht. Ich komme einfach nicht zur Ruhe. Da ist diese Unruhe in mir. Unsicherheit?
Die Nacht vergeht ohne größere Zwischenfälle.
Der Strom dreht und zeitweise scheint es, als würde ich fast auf der Stelle fahren. Aber das war eingeplant. Am frühen Vormittag, am Cap Gris-Nez, ist der Strom wieder mit mir. Sieben bis acht Knoten.
Eine schöne Geschwindigkeit. Das Meer ist ruhig und alles läuft nach Plan. Für einen Moment fühlt es sich gut an. Doch gerade noch in Sicherheit gewiegt, kommt innerhalb weniger Minuten die Ernüchterung.
Die See wird zunehmend unruhiger. Der Strom dreht wieder gegen mich und läuft damit auch gegen die Wellen von achtern und gegen den Wind, der von hinten schiebt.
Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die eben noch ruhige See in eine Waschmaschine vom Feinsten. Ein bis eineinhalb Meter hohe Wellen, die sehr kurz kommen. Gefühlt aus allen Richtungen. Immer wieder versuche ich, meinen Kurs anzupassen. Doch es ist schwierig. Die Nervosität in mir steigt. Wird immer lauter.
Es ist zwölf Uhr mittags. Und das bedeutet: Die nächsten sechs Stunden kann es so bleiben. Meine Hoffnung, dass der Wind mich weiterhin stabilisiert, löst sich kurz darauf auf. Das Schlagen der Segel zeigt mir deutlich, dass er mich verlassen hat. Also Segel rein und Zähne zusammenbeißen. Unter Maschine geht es weiter Richtung Golfe de Seine. Der Nachmittag verspricht zunächst etwas Besserung, doch die See bleibt unruhig. Und die Zweifel werden lauter. Schaffe ich das? Die nächste Nacht kommt. Es sind noch mehr als 130 Seemeilen.
Ich dachte immer, dass ich eine große mentale Stärke besitze. Doch die nächsten Stunden haben mich viel über mich selbst erkennen und verstehen lassen. Alleine auf einem Segelboot mitten auf dem Meer passiert etwas, wenn die Gedanken, die Zweifel und die Unsicherheit immer größer werden. Es ist nicht nur der Kopf, der dabei eine Rolle spielt. Es ist der ganze Körper. Die Erschöpfung. Die Anspannung. Die schwindenden Kraftreserven.
Und es geht dabei noch nicht einmal nur um meine Unerfahrenheit. Es sind diese Stimmen im Kopf, die immer lauter werden.
Schaffe ich das?
Laufe ich doch lieber einen Hafen an?
Welchen Hafen soll ich anlaufen? Das wird schon besser.
Oder wird es nicht besser?
Wie bei so vielen Entscheidungen, die das Segeln betreffen, ist für mich etwas in diesen Stunden ganz wichtig geworden: mein Bauchgefühl. Wenn mein Bauchgefühl mir etwas sagt, dann möchte ich zukünftig darauf hören. Darauf vertrauen. Das ist meine erste goldene Regel:
Vertraue deinem Bauchgefühl, Sascha.

Den gesamten Nachmittag bleibt die See unruhig und kabbelig.
Stunde um Stunde vergeht und ich bekomme meine Gedanken einfach nicht sortiert. Langsam wird es dunkel und die nächste Nacht bricht an.
Dieppe habe ich inzwischen passiert. Der nächste mögliche Hafen wäre Le Havre. Doch auch dort gibt es für mich einiges zu beachten, denn ich kann den Hafen nur zu einem bestimmten Zeitpunkt der Tide anlaufen, um durch die Schleuse zu kommen.
Als die Strömung wieder einmal dreht und gegen mich läuft, treffe ich eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die ich eigentlich schon viel früher hätte treffen sollen. Ich möchte nach Le Havre.
Doch dafür ist es inzwischen zu spät. Mit der bereits kippenden Strömung würde ich für die noch vor mir liegenden rund 50 Seemeilen bis zum nächsten Morgen brauchen. Also bleibt mir nur eine andere Möglichkeit: zurück.
Zurück nach Dieppe.

Etwa 20 Seemeilen liegen nun wieder vor mir – dieses Mal allerdings mit der Strömung. Und plötzlich wird die Situation etwas einfacher.
Mit dem Strom und ein wenig Wind liegt das Boot ruhiger in der See und die nächsten zweieinhalb Stunden Richtung Dieppe fühlen sich deutlich entspannter an. Ganz abschalten kann ich trotzdem nicht. Vor allem auf die vielen Fischerbojen muss ich jetzt achten. Eine davon mit dem Boot zu überfahren und mir möglicherweise eine Leine einzufangen, wäre das Letzte, was ich in dieser Nacht noch gebrauchen könnte.
Aber während ich dort durch die Dunkelheit zurück Richtung Dieppe fahre, wird mir etwas immer bewusster.
Ich hätte viel früher auf mein Bauchgefühl hören sollen. Beim Segeln mache ich das eigentlich schon längst. Wenn ich das Gefühl habe, dass zu viel Segelfläche oben ist und ich reffen sollte, dann mache ich es. Lieber einmal zu früh als einmal zu spät. Warum also habe ich es bei dieser Entscheidung anders gemacht? Warum habe ich so lange versucht, meine Zweifel mit meinem Kopf zu lösen, obwohl mein Bauch mir längst etwas anderes gesagt hatte?
Genau das möchte ich zukünftig anders machen. Wenn mein Bauchgefühl mir sagt, dass sich etwas nicht richtig anfühlt, dann möchte ich darauf vertrauen. Nicht erst noch Stunden darüber nachdenken, ob ich vielleicht doch weitermachen kann, ob es vielleicht gleich besser wird oder ob ich mich einfach nur zusammenreißen muss. In diesem Moment bin ich jedenfalls einfach nur froh und erleichtert, die Entscheidung getroffen zu haben.
Mein Ziel kommt immer näher und mit jeder Seemeile wird die Situation entspannter. Nur die Einfahrt in den Hafen wird noch einmal aufregend. Es ist mitten in der Nacht und vor mir scheint zunächst nur eine dunkle, beinahe undurchdringliche Landmasse zu liegen.
Ich muss mich auf meine Karte und die Lichterführung verlassen. Doch je näher ich komme, desto mehr erkenne ich plötzlich die Öffnung in dieser Dunkelheit. Da ist sie. Die Einfahrt zum Hafen. Um drei Uhr nachts mache ich schließlich die Leinen am Steg fest. Ich bin erleichtert. Nach all den Stunden auf See, den Gedanken, den Zweifeln und der Anspannung brauche ich noch ein paar Minuten, um wirklich anzukommen. Dann gehe ich schlafen.
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich am nächsten Morgen wach werde. Ich glaube, es ist gegen neun Uhr. Und das Erste, was ich spüre, ist Erleichterung.
Erleichterung darüber, die Entscheidung getroffen zu haben. Erleichterung darüber, nach Dieppe gefahren zu sein. Und auch Erleichterung darüber, dass ich mir diesen einen Tag Zeit nehme. Zeit, um das Ganze zu reflektieren. Was hätte ich anders machen können?
Was habe ich vielleicht übersehen? Und wie muss ich zukünftig an solche Touren herangehen, damit ich sie nicht nur irgendwie schaffe, sondern auch das für mich Beste daraus mitnehmen kann?
Nachdem ich mich beim Hafenmeister angemeldet habe, hole ich mir – ganz typisch Frankreich – Croissants, Baguette und Marmelade. Und dann mache ich erst einmal meinen Kopf frei. Kein Druck. Keine schnelle Entscheidung. Einfach ankommen, essen, durchatmen und in Ruhe darüber nachdenken, was in den vergangenen Stunden eigentlich passiert ist. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr entsteht in mir ein Gefühl: **Das, was passiert ist, war genau richtig.** Vielleicht musste es sogar so passieren.
Denn wäre ich einfach weitergesegelt und irgendwie in Cherbourg angekommen, würde ich wahrscheinlich heute nicht anders an die nächste Tour herangehen. Dabei war mein eigentliches Ziel ja noch immer nicht Dieppe.
Mein Ziel war Cherbourg. Und als ich mir das Wetter anschaue, wird schnell klar, dass mein nächstes Zeitfenster klein ist. Wenn ich weiter möchte, muss ich bereits am nächsten Tag wieder los.
Also setze ich mich hin. Diesmal möchte ich es anders machen. Ich schreibe mir Punkte auf, gehe die vergangenen Stunden noch einmal im Kopf durch und überlege ganz genau, was für mich bei einer Tourenplanung wirklich wichtig ist. Nicht nur Wind und Wellen. Nicht nur Strömung und Gezeiten. Sondern auch ich.
Meine Kraft. Meine Erfahrung.
Meine Möglichkeiten.
Meine Grenzen.
Und vor allem mein Bauchgefühl. Mit all diesen Gedanken vor mir beginne ich, die nächste Etappe nach Cherbourg zu planen.
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Lieber Sascha, ich habe es beim Lesen richtig mit gelebt und gefühlt. Du beschreibst es so detailliert als würde ich mein altes Tagebuch Lesen. Aber man sieht auch das wir Menschen im allgemeinen doch zuviel Kopfmenschen sind, zuviel denken bevor wir handeln. Wie oft im Leben dachte ich das es wichtig ist alles zu durchdenken, zu planen, nochmal darüber nachzudenken. Dabei hatte mein Bauchgefühl mir längst die Lösung aufgezeigt. Warum überdenkt man eigentlich sein Bauchgefühl? Ich selbst schalte zwar wenn erforderlich auch mein Kopf ein, aber zu 99,9% höre ich nur noch auf mein Bauchgefühl, und dieses hat mir sprichwörtlich schon zweimal das Leben gerettet. Hast Du schon einmal darüber nachgedacht ein Buch zu schreiben? Deine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse wie in einem Tagebuch zusammengefasst aufzuschreiben, nur eben als Buch. Ich wünsche Dir weiterhin alles Glück dieser Erde, und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Beste Grüße, Andrea
Vielen Dank für deine Worte!
Hallo Sacha du hast meinen vollsten Respekt ….Hut ab wie du das alles alleine meisters…..pass auf dich auf und bleib gesund lg. Gaby aus Vorarlberg /Österreuch
Dankeschön